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Die erste Atlantikerfahrung: Inselhopping auf den Kanaren

Eine endlose blaue Wüste, zwei Meter hohe Dünen, deren Kronen sich im kräftigen Nordwind zerstäuben und wie ein feiner Nebel über alles legen, endlose Stille bis auf das monotone und doch nie gleiche Schlagen der Wellen. Wir waren endlich mitten im Atlantik angekommen. Marokko hatte seine Häfen für uns geschlossen und so blieb uns keine Wahl, als von Tarifa auf direktem Kurs auf die letzte europäische Enklave, die Inselgruppe der Kanaren, zu nehmen. Knapp 600 Seemeilen südlich von Gibraltar und 100 Meilen westlich der Westsahara ist dieser spanische Außenposten ein beliebtes Reiseziel für sonnensuchende Europäer in den Wintermonaten. Und für uns ein willkommener Boxenstopp auf der Stracke zu den Kap Verden. Danke des konstanten und kräftigen Passatwindes legte die Amadie die knapp 1100km in nur viereinhalb Tagen zurück, ein neuer Langstreckengeschwindigkeitsrekord – und das fast ausschließlich mit der Genua und nur drei Mann Besatzung (Jan befand sich noch auf seinem dreiwöchigen Heimaturlaub). Der einzige Aufreger war ein gewagter Fluchtversuch unseres Dinghis, dessen Schlepptau mitten in der Nacht riss. Glücklicherweise wurde dies sofort von der Wache bemerkt, die Alarm schlug und eine Wende einleitete. Nach drei Minuten Suche in der Finsternis wurde das Dinghi wieder erspäht. Mitten in der Nacht bei drei Meter hohen Wellen ein neues Schlepptau zu befestigen, war dennoch ein Alptraum, den wir garantiert nicht mit einer über Bord gegangenen Person wiederholen möchten. Bei Ankunft auf der kleinen Wüsteninsel La Graciosa war schließlich erstmal einen Ruhetag nötig, an dem die Crew einigen Schlaf aus den strapaziösen Nachtschichten der Überfahrt nachzuholen hatte.

Ankunft auf den Traumstränden La Graciosas
Wüdetnplanet La Graciosa
...und Maspalomas auf Gran Canaria

Die karge, wüste Landschaft dieses Sandplaneten mit seinem azurblauen Wasser und weißen Stränden lud auch zum Verweilen ein, so dass wir die nächsten vier Tage damit verbrachten zu Fuß, auf dem Fahrrad und mit Schwimmflossen die beeindruckende Vulkanlandschaft von La Graciosa zu erkunden. Erstmals hatten wir das Gefühl, Europa wirklich verlassen zu haben und auf einer wahrhaften WELTumsegelung zu sein. Die folgende Überfahrt nach Arrecife auf Lanzarote war nach den bisherigen Erfahrungen kaum mehr als ein sechs stündiger Katzensprung. Während Bootszimmermann Tilman weiter an der Fixierung unseres Ruders arbeitete, das uns nach wie vor ob seines Bewegungsspielraums Kopfzerbrechen bereitete, nahm der Rest der Crew Silas in Arrecife in Empfang. Wir freuten uns alle, dass dieser langjährige Pfadfinderfreund und Mitbewohner Tilmans aus Saarbrücken, für die nächsten drei Monate mit Rat, Tat und dummen Sprüchen unsere Crew bereichert. Die Überfahrt und Ankunft könnt ihr in diesem ersten Video bestaunen:

Der nach wie vor kräftige Nordwind trug uns weiter zügig gen Süden. Unterbrochen durch einige Bier- und Badepausen passierten wir die Südspitze von Lanzarote, Fuerteventura und erreichten schließlich mehrere abgelegene Buchten auf Gran Canaria. Trotz der vermeintlichen Abgeschiedenheit trafen wir hier in jeder Bucht auf eine Handvoll bis mehrere Dutzende anderer Segelyachten. Viele von ihnen waren ebenfalls Langfahrer (leicht erkennbar an den außen installierten Solarpanelen und Windgeneratoren), die sich auf ihre eigene Ozeanüberquerung vorbereiteten. Ein kleiner Landausflug zu den Dünen von Maspalomas rundete den Besuch dieser Insel ab.

Eine Tagesfahrt später erreichten wir die schöne Bucht von Los Christianos auf Teneriffa. Von den nordöstlichen Winden abgeschirmt, bot sich uns hier eine entspannte, einwöchige Zuflucht mit Panoramablick auf den 3.715m hohen Teide, den höchsten Berg Spaniens und Herzstück der Insel. Hier hatten wir endlich Zeit, um ein lange besprochenes Projekt in die Tat umzusetzen: Unseren Tauchschein. Drei Tage wurden Tilman, Hendrik und Silas (Philipp besitzt den Schein bereits) in der Handhabung des Equipments, den Gefahren und dem Verhalten auf und unter der Meeresoberfläche und allerlei nützlichen Tipps und Tricks zu Themen wie Atemtechnik, Sicherheit oder Kommunikation unter Wasser unterwiesen. Das Gefühl eines Tauchgangs lässt sich wohl am ehesten mit dem eines schwerelos schwebenden Astronauten vergleichen, dessen Bewegungsmöglichkeiten nicht nur um eine dritte Dimension erweitert sind, sondern der auch eine ganz neue Welt mit zahlreichen bizarren Lebensformen für sich entdeckt (eine überaus hilfreiche Metapher, da sicherlich mehr von euch im All als im Wasser waren).

Der höchste Berg Spaniens: Der Teide
Wir feiern den gelungenen Tauchschein
Wanderversuch auf den Teide

Nach Jans unvermeidlicher Rückkehr dachten er und Philipp jedoch gar nicht daran, den erschöpften Tauchlehrlingen bei ihrem verdienten Ruhetag Gesellschaft zu leisten. Zu lange schon hatte der Teide herausfordernd über der Amadie gethront. Leider braucht man für dessen Besteigung tagsüber eine Genehmigung, die kurzfristig nur über organisierte Reiseveranstalter zu erhalten ist. Ab 7 Uhr werden die Zugänge von Rangern überwacht. Normalerweise kein Problem, da sich kurz unter der Spitze eine Hütte befindet, zu der man am Vortag gemütlich Aufsteigen kann, um dann pünktlich zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu stehen. Doch natürlich war diese wegen Corona geschlossen. Wir fuhren also nachmittags mit dem Bus auf halbe Höhe und begannen unseren abendlichen/nächtlichen Aufstieg. Der erste Streckenabschnitt führte durch lichte Nadelwälder durchzogen von gigantischen Menhiren und scharfen Schluchten. Der Ausblick über den Wolken auf die versinkende Sonne war einfach atemberaubend schön. Am Fuß des Vulkangipfels versuchten Jan und Philipp mehr schlecht als recht noch einige Stunden Schlaf zu bekommen, da bei Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt nicht zu viel Zeit in 3.700m Höhe auf die Sonne warten wollten. Der mitternächtliche Angriff auf die letzten 800hm führte durch eine bizarre Kraterlandschaft, dessen gigantische Felsbrocken den Schatten erstarrter Riesen gleich in die Dunkelheit hineinragten. Knapp 400m unter dem Gipfel holten uns jedoch Kälte, Müdigkeit und die Warnung ein, dass uns beim Abstieg gegebenenfalls doch eine hohe Strafe durch die Ranger erwartete und wir beschlossen abzubrechen. Nun, besser man versucht und scheitert, als gar nicht erst aus dem Bett aufzustehen. So ergibt sich wenigstens Stoff für einen halben Blogeintrag 😉

Einen Tag später verließen wir Teneriffa und steuerten unseren ersten Hafen seit fünf Wochen (Mótril bei Granada) an: San Sébastian auf La Gomera. Die dicke Wolkendecke um Teneriffa hatte dem Wasserhaushalt der Amadie nicht gutgetan und so nutzten wir freudig die Gelegenheit, die Tanks zu füllen und die gute Lady vom Staub und Schmutz der Kanaren zu befreien. Wir umrundeten die Insel und erreichten den berühmten Valle Gran Rey, ein grüner Canyon, in dem sich in den 1970er Jahren zahlreiche Aussteiger und Hippies ansiedelten. La Gomera ist bekannt für sein einzigartiges Mikroklima, das einen dichten Nebelwald in der Mitte der Vulkaninsel geschaffen hat. Dieses Wanderparadies wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen, packten Rucksäcke, Zelt und Kocher und schnappten uns den ersten Bus in den Nationalpark. Von dort durchwanderten wir zwei Tage lang die grünen Hügel und Schluchten voller moosiger Nadelwälder und exotischer Savannengewächse. Die Ausblicke, die sich regelmäßig von den Hügelkämmen boten, lieferten nicht nur ein wunderschönes Panorama über die Wälder La Gomeras, sondern auch auf ihre Nachbarinseln: Den spöttischen Teide und die schwarze Vulkanausbruchswolke, die seit Wochen über La Palma hängt. Noch Tage nach unserer Abfahrt von den Kanaren, sollten wir Aschereste dieses aktiven Vulkans an Deck der Amadie finden. Die Nacht verbrachten wir auf dem einzigen Zeltplatz der Insel, einigen steinigen Terrassen mit einem kleinen aber feinen Restaurant, das uns den Abend sehr verhopfte. Der Rückweg am nächsten Tag durch den Nebelwald war nach wie vor eine sehr willkommene Abwechslung zu den sonst eher kargen und felsigen Kanaraninseln. Je nach Bewegungsbedarf endete der Abend mit Blick auf den Sonnenuntergang vom höchsten Punkt der Insel oder einem 15km langen Abstieg durch mit Palmen, Kakteen und Ziegen gesäumte Canyons bis zur Amadie.

Segeln und wandern auf La Gomera
Nebelwälder auf La Gomera
Blick von La Gomera auf die Vulkanwolke über La Palma...
...und den Teide auf Teneriffa

Insgesamt konnten uns die Kanaren mit ihrer Vielschichtigkeit und dem angenehmen Klima überzeugen. Sie reichen als Segelrevier zwar nicht an Kroatien oder die Karibik an, bieten aber eine willkommene Abwechslung, insbesondere in den kalten Wintermonaten außerhalb der Mittelmeersaison. Zum Abschluss möchten wir euch noch auf einige bewegte und bewegende Bilder in unserem zweiten Kanarenvideo einladen:


Zwei Rückschläge und ein Gewinn: Unsere letzte Mittelmeeretappe

Die Amadie verlässt Málaga...
...für die letzte Mittelmeeretappe entlang Südspanien

Schwer beladen mit Gästen und Vorräten schleppte sich die Amadie aus dem Hafen von Málaga und auf den letzten Streckenabschnitt unserer Mittelmeeretappe. Der sonst so verlässliche spanische Wind hatte nachgelassen und wir trieben einen ganzen Tag gemächlich Richtung Nueva Andalucia und Marbella. Die Region ist bekannt für ihr ganzjährig mildes Klima, schöne Strände, protzige Villen und die höchste Golfplatzdichte Europas. Was verschlug uns an diesen Ort?

Vielleicht habt ihr mitbekommen, dass wir schon seit längerer Zeit versuchten uns eine Meerwasserentsalzungsanlage zukommen zu lassen, ein Produkt, bei dem man schon zu regulären Zeiten mit mehreren Wochen Lieferzeit rechnen kann. Stellt euch also vor, ihr müsst euch mitten in der Coronakrise ein 5.000€ teures, 30kg schweres Paketset, von dem das Lieferdatum nicht bekannt ist, pünktlich an einen Ort in einem fremden Land liefern lassen, der euch selbst nicht bekannt ist, weil euer Haus leider die blöde Angewohnheit hat, seinen Standort täglich um 30km zu verschieben. Kurzum, es war ein zwei monatiger administrativer Alptraum, aber nach einigen Dutzend Mails und Telefonaten in drei verschiedenen Sprachen über vier verschiedene Länder und einer missverständlichen Lieferung des Wassermachers nach Barcelona, hatten wir endlich ein passendes Set aus Händler, Lieferadresse und Datum beisammen.

Unser neuer Rainman-Wasseraufbereiter

Also, Nueva Andalucia. Überglücklich trafen wir dort auf Kai und Eliana, Bekannte von Jan, die uns die lang ersehnte Maschine übergaben und gleich noch ein paar Sehenswürdigkeiten in Marbella empfahlen. Tags darauf flanierten wir also entlang der kilometerlangen, wunderschönen Strandpromenade zwischen den zwei Orten. Der Ausflug gipfelte in der weiß getünchten, über und über mit Blumen behangenen Altstadt von Marbella. Die makellosen Plätze verführen dort ebenso zum Kaffee trinken, wie zu einem Besuch in einem traditionellen spanischen Tapas-Restaurant. Das ließen wir und unsere kulinarisch interessierten Gäste sich nicht zweimal sagen und so musste das Abendessen an Bord leider mal wieder wegen akuter Überfressung ausfallen.

Nach einigen weiteren Nahrungseinkäufen (die Supermarktregale in Málaga waren irgendwann zu unserer vollständigen Unzufriedenheit geplündert gewesen) und einmal volltanken beendeten wir den Besuch in dieser Region mit einem heiß umkämpften Fußballmatch am Strand, das die Crew der Amadie haarscharf und völlig unverdient mit 10:5 gegen ihre Gäste aus der Waldresidenz verlor. Naja, wir wissen alle, wer die Sieger der Herzen waren.

Verdientes Abendessen nach einem heiß umkämpften Fußballspiel

Der letzte Streckenabschnitt trug uns vorbei an dem Felsen von Gibraltar, der mächtigen, britischen Enklave, die wachsam und mit Kanonen und Affen bestückt über die Einfahrt ins Mittelmeer wacht. Kurz dahinter liegt der Hafen von Tarifa, in dem wir in den späten Abendstunden unserer Ankunft Schutz vor Wind und Wellen suchten. Leider stellt der Hafen keine Anleger für Segeltouristen zur Verfügung, aber zwei Polizisten waren nett genug, uns für die Nacht am Fähranleger festmachen zu lassen, vorausgesetzt wir würden diesen vor Eintreffen ihres Chefs am nächsten Morgen wieder verlassen. Ihr erste Frage, nachdem wir festgemacht hatten, war gleich, ob wir einen Schaden durch Orcaangriffe erlitten hätten. Verdutzt verneinten wir, nur um dann zu erfahren, dass es in der Region seit gut einem Jahr wöchentlich zu Attacken der Killerwale auf Segelboote unserer Größe käme. 50 Boote allein in diesem Jahr, von denen gut die Hälfte so stark beschädigt wurde, dass sie abgeschleppt werden mussten. Dieses neuartige Verhalten der sonst scheuen Tiere stellt die Meeresbiologie bis heute vor ein Rätsel. Keine allzu rosigen Aussichten für uns jedenfalls.

Die Felsenfestung Gibraltar
Tarifa, der südlichste Punkt von Spaniens Festland
Überquerung der Straße von Gibraltar am frühen Morgen

Auf Anraten der Polizisten befestigten wir eine Signalfackel an einem Bootshaken, um damit gegebenenfalls die Orcas unter Wasser zu vertreiben. Wachen wurden postiert, die Ladung gesichert und vor der Dämmerung machten wir uns auf den Weg zur gut vierstündigen Überfahrt auf den afrikanischen Kontinent nach Tanger. Glücklicherweise verlief die Überquerung der Straße von Gibraltar bis auf einige Ausweichmanöver um große Frachtschiffe herum ereignislos und die Vorfreude, endlich einen neuen Kontinent zu betreten. Der Schock kam erst, als wir in Tanger in den Hafen einlaufen wollten. Aufgrund aktueller Coronabeschränkungen sei zwar eine Einreise per Flugzeug, Fähre, Auto, zu Fuß, per Kamel und auf einem Dreirad möglich, für private Segelyachten blieben die Häfen aber weiterhin gesperrt. Nichts zu machen, alles beten und betteln half nichts, die Grenzpolizei blieb hart. (Außer natürlich wir hätten einen Orcaschaden gehabt, dann hätte man uns eingelassen). Bitterlich enttäuscht kehrten wir der plötzlich dreimal so attraktiv wirkenden Hafenstadt den Rücken und kehrten zurück nach Tarifa.

Die Verzweiflung war groß, der Rumkonsum entsprechend und so trösteten wir uns mit einem lustigen Abend in einem Pizzarestaurant in Tarifa. Die darauffolgenden Tage verbrachten wir mit kleineren Bootsarbeiten und Schnorchelausflügen in Tarifa, je nach Windrichtung pendelnd zwischen der Mittelmeer- und der Atlantikseite dieser Landzunge. Unsere Gäste verließen uns und auch Jan brach zu einem dreiwöchigen Heimaturlaub auf, um sich noch einmal gebührend von Freunden und Familie zu verabschieden, bevor es hinaus auf die andere Seite des Planeten ging. Philipp beendete endlich seine Bachelorarbeit über das Energiesystem der Amadie und so war schließlich am 05.10. nach exakt vier Monaten im Mittelmeer alles bereit für unseren großen Aufbruch in den Atlantik.

Während wir nun mit Wind und Wellen auf diesem wilden, unbekannten Ozean kämpfen, sind wir auch nur ein bisschen neidisch bei dem Gedanken, dass ihr gerade in der Behaglichkeit eurer stillstehenden Wohnungen entspannt unser neuestes Video genießen könnt:

Goodbye Mittelmeer

Der arabische Einfluss: Südspanien von Granada bis Málaga

Wir schrieben den 21. September des Jahres 2021. Die See war rau, die Caipirinha-Limetten gingen zur Neige, Olaf Scholz stand kurz davor Kanzler zu werden und die Crew hatte noch nicht eine einzige Katze am Katzenkap gesehen. Alles in allem keine besonders rosigen Aussichten. Man könnte sagen, es war an der Zeit für etwas royalen Glanz in unserem Leben.

Kaum das wir den Windschatten des Kaps hinter uns gelassen hatten pfiff uns der Wind mit 5 Beaufort (=20kn / 38km/h) um die Ohren. Zwar stieg der Autopilot bei den rauen Bedingungen bald aus und wir mussten den Großteil des Tages von Hand steuern, doch reichte so die Genua allein aus, um den Tag über einen Schnitt von 7kn zu fahren und unseren 66nm entfernten Zielort Motril in nur 9 ½ Stunden zu erreichen. Ein herrlicher Segelspaß. Zum Vergleich: Für diese Strecke hatten wir im windarmen Teil Albaniens auch schon über zwei Tage gebraucht. Der Empfang in dem kleinen Hafen voller Motorboot-Lagerregale war freundlich und hilfsbereit. Auch konnten wir unsere linguistischen Autodidaktik-Skills weiter trainieren, als uns die Hafenmitarbeiter auf Spanisch erklärten, dass wir heute und morgen besser nicht rausfahren sollten, da 5 Beaufort Wind gemeldet waren. Zum Glück waren wir ja hierhergelaufen 😉.

Wem Motril kein Begriff ist – das ist keine Schande – der kleine Küstenort hat wenig zu bieten, außer dass er der Seezugang zur bekannten Stadt Granada und ihrem berühmten Weltkulturerbe, der Alhambra, ist. Früh am nächsten Morgen ging es also mit dem Bus ins Landesinnere und wenig später schlenderten wir durch die sehenswerte Altstadt. Wunderschön gelegen in einem großen Tal zwischen bewaldeten Hügeln, reihen sich hier historische Religionsstätten an verschnörkelte Verwaltungsgebäude und ausladende, weiß gestrichene Wohnhäuser. Das Wahrzeichen der Stadt erhebt sich majestätisch auf einem Hügel am Rande der Stadt: Die Festungs- und Palastanlage der Alhambra. Mehrere Stunden wanderten wir durch die paradiesischen Gartenanlagen des Generalife, bestaunten die Ausstellungsstücke in den Museen des königlichen Palazzo und waren geblendet von der Schönheit der filigranen Wandverzierungen, die die gesamten Nasriden-Paläste schmücken. Wir wagten nicht zu schätzen, wie viele tausende Arbeitsstunden und handwerkliches Geschick in die detaillierte Ausarbeitung jedes Quadratzentimeters Bodenmosaiks und Wandreliefs dieser prunkvollen Gemächer geflossen sein muss. Der abendliche Ausblick von den Festungsmauern über Stadt und Tal war ein atemberaubender Abschluss dieses Ausflugs in die prunkvolle maurische Vergangenheit Südspaniens.

Wir bewundern die Gärten des Generalife
Wunderschöne Innenhöfe der Alhambra
Königlicher Palast
Museumstour
Blick auf Granada von Alhambras Türmen
Nasriden Palastgärten
Filigrane Wandornamente in den Nasridenpalästen
Sichern eines Flüchtlingsboots im offenen Meer

Nächstes Ziel: Málaga. Auf der angenehmen Überfahrt dorthin begegneten uns am Nachmittag mehrere Delfinschulen. Dutzende Tiere umschwammen neugierig das Schiff und rieben sich am Bug der Amadie. Viel zu spät ließen wir eine Schleppleine ins Wasser, an der wir uns mit Taucherbrillen hinter dem Schiff herziehen und kommen nur noch mit wenigen Nachzüglern ins Angesicht. In der Ferne blinkten schon die Lichter des málagaschen Hafens als vom Steuermann plötzlich der Ruf ertönt: „Treibgut in Sicht! Oder ein herrenloses Boot. Oder Container. Schwer zu erkennen.“ Alles drei Grund genug für uns, den Kurs zu ändern und sich das näher anzuschauen. Tatsächlich entpuppte sich der ominöse, grüne Gegenstand als treibendes Boot. Kaum drei Meter lang, auf simpelste Art aus GFK zusammengeklebt, ohne Motor oder Ruder drängte sich direkt ein Verdacht auf. Die zurückgelassenen Schuhe und muffeligen Kleidungsreste erhärteten diesen: Scheinbar haben wir wenige Kilometer vor der spanischen Küste ein verlassenes Flüchtlingsboot gefunden. Welches Schicksal die Insassen ereilt hatte, konnten wir nur erahnen, hoffen aber, dass der Kahn erst an Land aufgegeben wurde und von alleine hinausgetrieben ist. Wir schleppten diese ziellos treibende Gefahr für den Schiffsverkehr in den Hafen von Málaga und deponierten ihn dort in Sicherheit.

Panoramablick auf Málaga

Früh am nächsten Mittag füllte sich jeder Quadratmeter der Amadie wieder mit Lärm und Leben, als unsere hiesigen Gäste, Paul, Meo und Friedrich ihre Kojen beziehen. Gemeinsam flanierten wir am Nachmittag und Abend durch die Parks und Straßen dieser südspanischen Kultur- und Partymetropole. Der Abend endete – wie sollte es anders sein – in einer der zahlreichen Bars auf einer der zahlreichen Plätze. Bis spät in die Nacht stießen wir heiter und auf beste Teutonen-Art mit viel Bier und wenig anderem auf alte Freundschaften und neue Erfahrungen an.

Alte Freunde...
...besuchen die Crew
Die Supermärkte werden geplündert

Wir näherten uns der Straße von Gibraltar und somit dem Atlantik. Bald würden unsere Überfahrten häufiger und länger werden und wir können uns nicht mehr darauf verlassen, zu jeder Zeit alle Lebensmittel frisch verfügbar zu haben. Es war folglich an der Zeit, den letzten Aufenthalt in einer europäischen Großstadt zu nutzen, um sich Gedanken über unsere Vorräte für die Fahrt in die Karibik und darüber hinaus zuzulegen. Nicht haltbare Lebensmittel wie Obst und Gemüse müssten natürlich weiterhin bei jeder Gelegenheit frisch vor Ort gekauft werden, Verfügbarkeit und Preis waren jedoch zwei gute Argumente, sich zumindest von allen haltbaren Waren bereits in Spanien größere Vorräte anzulegen. Nachdem also alle das Bier des Vorabends verdaut hatten, begannen wir die Regale des nächstgelegenen Supermarktes zu plündern. 20 Wanderrucksäcke und 5 bis über den Rand beladene Bollerwagen waren nötig, um den ganzen Tag über eine Essensladung nach der anderen an Bord zu transportieren und in jeder nur erdenklichen und auch den meisten nicht erdenklichen Ritzen zu verstauen. Am Ende des Tages waren wir knapp 1.500€ ärmer, die Amadie eine halbe Tonne schwerer und die Nerven beruhigt, das wir in absehbarer Zeit nicht auf Schwarzbrot und Rotkraut würden verzichten müssen.

Bevor wir die Artikel verstauten, wurden von allen Konserven die Etiketten entfernt und der Inhalt mit Edding beschriftet. Pakete mit dünner Verpackung, wie z.B. Haferflocken, wurden in Folie eingeschweißt. Beides dient der Absicherung gegen Motten und sonstige Larven, die sich in dem Papier einnisten und ganze Vorratskammern ungenießbar machen können. Um den Überblick über unseren Verbrauch zu behalten, legten wir eine Liste mit Menge und Lagerort an. Gerade letztere Information erspart bei 21 verschiedenen Essensschränken und -luken auf Dauer das Eichhörnchen-Syndrom. Wir laufen nun keine Gefahr mehr, zu vergessen, welche Nüsse wir wo vergraben haben.

Am Ende dieses Blogeintrags steht zur Abwechslung eine kleine Hausaufgabe, während ihr unser neuestes Video schaut. Schickt uns doch mal ein paar Rezepte per Mail, wie man 12 Gläser saure Gurken mit 24 Gläsern Apfelmus zu einem sinnvollen Gericht kombiniert. Weitere ähnlich schmackhafte Kombinationen können aus der Liste unserer eingelagerten Vorräte unter dem Video entnommen werden:

Ananas, American Cookies, Apfelmus, Artischocken, Asiasoße Sushi, Asiasoße süß, Brauner Zucker, Doppelkekse, Erbsen, Fertigtomatensoße, Ganze Tomaten, Grüne Oliven, Haferflocken, Hafermilch, Honig, Kaffeepulver, Kakao, Kartoffelpüree, Ketchup, Mais, Marmelade, Mayonnaise, Mehl, Milch, Müsli, Nüsse, Nutella, Olivenöl, Passierte Tomaten, Peperoni, Pesto, Pfirsiche, Quinoa, Röstzwiebeln, Rote Chili Bohnen, Rotkraut, Sahne, Salzige Brotchips, Salzkekse, Saure Gurken, Sauerkraut, Schwarzbrot, Schwarze Oliven, Senf, Sonnenblumenöl, Stangensalami, Tortillas, Weiße Bohnen, Weißweinessig.


Arbeit und Spaß dabei: Entdeckungsreise entlang Spaniens Ostküste

Das Gewitter war zunächst nur ein leises Brummen in der Ferne, kaum wahrnehmbar über dem Pfeifen des Windes, der uns in den letzten 30 Stunden fast 150 Meilen von Barcelona aus südwärts getragen hatte. Die aufkommende Abenddämmerung machte es schwer, die dichten Wolkenformationen zu erkennen. Gerade hatten wir unseren Anker vor dem hässlichen Industriehafen von Castéllon de la Plana geworfen, um dort am nächsten Morgen unseren Gast Rafael zum Zug zu bringen, als das Schauspiel begann. Im Sekundentakt zuckten auf drei Seiten um uns herum elektrische Entladungen durch die Wolkendecke. Das spektakuläre Wetterleuchten, untermalt vom dumpfen Grollen des Donners, tauchte das Deck der Amadie in gespenstisch flackerndes, weißes Licht. Gelegentlich schoss ein Blitz hinab auf die Wasseroberfläche, zunächst in beruhigender Entfernung, doch spürten wir die elektrische Ladung des Wassers bis an Bord unseres Schiffes. Mehrfach fiel an diesem Abend unsere elektrische Navigation aus und musste neu gestartet werden. Während einige Crewmitglieder den flackernden Himmel als Disco eines Donnergotts feierten, verkrochen sich andere in ihre Kojen, sorgsam darauf achtend, 1,50m Mindestabstand zu allen metallischen Gegenständen zu halten, um bei Blitzeinschlag keinen Ladungsübersprung zu riskieren.

Endlich vernünftiges Wetter
Neue Perspektiven auf die Amadie...
...und ihr Baby

Glücklicherweise blieb es bei einer audiovisuellen Erfahrung und wir konnten früh am nächsten Morgen unsere Fahrt unter Motor fortsetzen. Nur um direkt in ein Treibholzfeld aus Dornen, Ästen und Ranken zu geraten, das rasch unsere Schraube lahmlegte. Eine halbe Stunde Tauchen mit Messer und Arbeitshandschuhen befreite den Rumpf zwar wieder von dem Gestrüpp, doch konnten wir unsere Fahrt in dem Treibholz nur langsam und mit Ausguck am Bug fortsetzen. So hatten wir uns unseren 100. (!) Tag auf See nicht vorgestellt. Der zeremonielle Glennfiddich wurde dennoch ausgepackt.

Am frühen Nachmittag kam schließlich Valencia in Sicht. Der moderne und kostengünstige Hafen nahe Strandpromenade und Partymeile gefiel uns augenblicklich und so beschlossen wir uns hier gleich zwei Nächte von den Strapazen der Fahrt ab Barcelona zu erholen. Außerdem musste der 101. Tag auf See dringend als Katertag herhalten. Wir nutzten das Wochenende dennoch für eine ausgiebige Stadtbesichtigung. Die Altstadt von Valencia hat mit ihren gewaltigen Stadtmauertoren, Kirchen und historischen Markthallen einiges zu bieten, doch das Highlight ist sicherlich der Jardín del Turia. Diese „grüne Lunge“ Valencias zieht sich 100-500 Meter breit in einem alten Flussbett einmal durch die komplette Stadt und ist die perfekte Autobahn für Radfahrer, Jogger und Spaziergänger vom Hafen zur Altstadt. Eine exotische und abwechslungsreiche Flora, zahlreiche Wiesen, Sportanlagen, Skaterparks, Spielplätze, Bäche gehen hier fließend ineinander über. Besonders sehenswert sind die futuristisch anmutenden Museen und Theater mitten im Jardín, die ihren Ruf als architektonisches Alleinstellungsmerkmal der Stadt mit Sicherheit verdient haben. Die Innenstadt Valencias reicht zwar nicht an das turbulente Barcelona heran, aber ein Besuch ist allemal empfehlenswert.

Futuristische Architektur im Herzen von Valencia

Wir werden oft gefragt, ob wir auf unserer Reise gutes Wetter haben. Nun, die Antwort darauf ist eine sehr relative Einschätzung. Zwei Meter hohe Wellen, pfeifender Wind unter einer dichten Wolkendecke, spritzende Gischt und 7kn Fahrt sind aus Sicht unserer Crew ein nahezu perfekter Tag. Aus Sicht mancher unserer Gäste, die mit grüner Nase über der Reling hängen, eher weniger. Um den Wellen zumindest in der Nacht zu entgehen, liefen wir also am nächsten Abend im Hafen von Venecia ein (nein, nicht die weltbekannte Lagunenstadt in Italien, mehr so die traurigen Reste, die man aus dem Müllcontainer hinter einem venezianischen Supermarkt zieht und dann auf einem verrottenden Fischkutter nach Spanien schippert). Nichtsdestotrotz war dies eine gute Gelegenheit für unsere Crew, sich eines Problems anzunehmen, das uns schon länger ein Dorn im Auge war: Eine unserer Winschen quietschte ordentlich beim Kurbeln und gab Anlass zur Sorge, dass sich hier Verschleiß bildete. Als wir sie auseinanderschraubten, mussten wir feststellen, dass die Winsch vermutlich noch nie in den 13 Jahren seit Geburt der Amadie ordentlich gereinigt und gefettet worden war. Das war’s dann mit unserem freien Tag. Acht Stunden verbrachte die Crew damit, unsere vier Winschen in jedes Einzelteil zu zerlegen, diese in Lösemittel zu reinigen, neu einzufetten und wieder zusammen zu schrauben. Und siehe da: Plötzlich war es ein Kinderspiel, den Beibootmotor oder mutige Crewmitglieder den Mast hinauf zu hieven. Die Kraftanstrengung hatte sich beinahe halbiert! Und für eine abendliche Partie Volleyball am Stadtstrand mit unseren Gästen Matthias und Katha blieb sogar auch noch Zeit.

Den Wind spüren
Blick vom Punta Bombarda

Trotz all den luxuriösen Annehmlichkeiten eines Stadtaufenthalts (Duschen, fließendes Wasser, ein Boden, der nicht wackelt), sehnten wir uns zurück nach einsamen Buchten, kristallklarem Wasser und bewaldeten Uferklippen. Der letzte Aufenthalt in einer richtigen Badebucht lag bereits vier Wochen und ein halbes Meer bis nach Sardinien zurück. So ertrugen (oder genossen?) wir in den kommenden Tagen auch ein bisschen nächtliches Geschaukel, um die wunderbare Über- und Unterwasserwelt der Isla del Portixol und des Punta Bombarda erleben zu können. Erstere bot nicht nur reiche Fischschwärme, die Philipp endlich als Anlass zu seinem ersten Tauchgang nutzte, sondern auch Gelegenheit kraxelnd die dicht bewachsene Insel und ihre Geheimnisse zu erkunden. Der Punta Bombarda hingegen war mit seinem warmen, tiefblauen Wasser ein Schwimmparadies und die Erkundung eines verfallenen Tagebauwerks und des Leuchtturms auf der Spitze des Kaps sorgte für reichlich Abwechslung an Land.

Nach so viel Gelegenheit zum Baden und Duschen und mit voll besetzten Gästekabinen stand es bald nicht gut um unsere Süßwasservorräte und so nahmen wir Kurs auf den nächsten Hafen: Alicante. (Wer mitzählt, mag festgestellt haben, dass wir nun in Spanien bereits mehr Nächte in Häfen verbracht hatten, als auf unserer gesamten bisherigen Reise zusammen, starkem Wind und günstigen Preisen sei dank). Die Stadt ist eher arm an touristischen Attraktionen, bietet aber eine große Fülle an Bars, Restaurants, Clubs und jeglicher erdenkbarer Kombination dieser drei Abendetablissements. Eine gute Gelegenheit für ein gebührendes Abschiedsessen von unseren Gäste, die bereits alle ausnahmslos ihren Zweit- oder sogar Drittbesuch bei uns planen. Am Folgetag mussten wir unseren üblichen wöchentlichen Versorgungstag einlegen: Putzen, Einkaufen, Wäsche waschen, kleinere Reparaturen. Umso erfreulicher, dass uns noch einige Stunden blieben, um das Volvo Ocean Race Museum im Hafen von Alicante zu besichtigen. Dieses herausforderndste und anspruchsvollste Team-Weltumsegelungsrennen hatte mehrfach seinen Start in Alicante. Grund genug für die Stadt, um nicht nur mit Videoclips, Ausstellungsstücken und Infotafeln auf die unmenschlichen Strapazen und technologischen Finessen dieses geschichtsträchtigen Rennens hinzuweisen, sondern auch einen ausgemusterten Ocean Racer auszustellen. Zugegeben, ein, zwei Knoten hatte diese durchoptimierte Metallbox in ihren besten Tagen der Amadie vielleicht voraus, aber mit deren aufreizenden Charme konnte dieses nautische Äquivalent einer Raumkapsel nicht mal ansatzweise mithalten.

Die Arbeit an Bord hört niemals auf
Wir verfolgen die politischen Ereignisse in der Heimat

Mit gefüllten Vorratskammern fingen wir am nächsten Tag eine weitere Brise (wo die nur immer alle herkommen?) ein und ließen uns über unsere nächste Nachtschicht weitere 250km gen Süden tragen. Unser Wind-Timing seit Barcelona war nahezu perfekt, so dass wir mit einer Mindestanzahl an Segelstunden bereits zwei Drittel der spanischen Küste Richtung Atlantik hinter uns gelassen hatten. Nun blieb uns eine letzte ruhige Nacht am Cabo de Gata („Katzenkap“), einer zerklüfteten Prärielandschaft, die mit ihren flachen Sandhäusern stark an den amerikanischen Wilden Westen erinnert. Hätten wir gewusst, was in den kommenden Tagen auf uns zukommt, wir hätten sicher länger ausgeschlafen.

Doch mehr davon in unserem nächsten Blogeintrag. Bis dahin viel Spaß mit dem zugehörigen Video:


Ein urbanes Abenteuer: Gestrandet im Trockendock von Barcelona

Ruhig und zielstrebig zog die Amadie einem Zugvogel gleich ihre Linien durchs Wasser, das Meer eine ewige blaue Wüste um uns herum, voller Einsamkeit und Leben, Stille und Bewegung zugleich. Zwei Tage schon waren wir von Sardinien zunächst mühselig gegen den Wind, schließlich mit einem entspannten Raumwindkurs gefahren. Plötzlich ein Sirren, ein Ruck durch Schiff und Mannschaft. Der Klicker unserer Angel hatte endlich angeschlagen! Blieb uns das Glück unserer letzten Angelversuche treu (eine Möwe, eine Qualle, eine Plastiktüte) oder war heute endlich der Tag, an dem wir zu größerem bestimmt waren?! Fluchs sprang Philipp an die Angel und begann methodisch zu kurbeln. 15 Minuten dauerte der Kampf, als sich schließlich ein bläulich schimmernder Schemen knapp unter der Wasseroberfläche abzeichnete. Mit vereinten Kräften, Bootshaken und Messer hievten wir unsere zappelnde Beute an Bord und setzten ihr ein rasches Ende. Vor uns lag blutverschmiert ein 80cm langer Thunfisch, gut 10kg schwer, der feuchte Traum eines jeden Sushi-Kochs. Ohne Zögern gingen wir mit unserer gewohnten Learning by Doing-Mentalität ans Werk und schnitten alles heraus, was nicht essbar aussah. Der Rest landete nur Minuten später in der Pfanne. Mit etwas Salz und Limette angebraten lagen zwei Stunden nach dem Biss ein Dutzend braun gebratener Thunfischfilets auf unseren Tellern – und sogar unser Fischskeptiker Tilman musste zugeben: Dies war der leckerste Fisch, den je einer von uns gegessen hatte. Das beste daran: Uns blieb genug, um die ganze Mannschaft zwei weitere Tage zu versorgen. Unser Angelfieber ist geweckt!

Raue Bedingungen bei der Abfahrt aus Sardinien
Unser erster Fang: Ein 80cm langer Thunfisch
Ohne Wind verbleibt nur eine Art, die Amadie zu bewegen
Beschädigte Ruderlagerung
Teileabrieb

Zwei weitere Tage später erblickten wir am Horizont die Küste Spaniens, unseres sechsten Reiselandes. Leider war unsere glückliche (oder sehr ungünstige, je nach Blickwinkel des Beteiligten) Begegnung mit dem Thunfisch nicht das einzige Ereignis auf der Überfahrt. Bei einer Routineinspektion der Mechanik hatten wir festgestellt, dass die Lagerung unseres Ruders Spiel bekommen hatte und somit in ihrer Aufhängung einigen Materialabrieb erzeugte. Kein akutes Drama, aber definitiv ein Problem, dass so schnell wie möglich angegangen werden musste. Mit diesen Sorgenfalten auf der Stirn liefen wir also nach einer sehr welligen und unruhigen Nacht vor Barcelonas Stadtstrand in den Port Olimpic, ein Überbleibsel der olympischen Spiele von 1992, ein. Die erste Überraschung waren die günstigen Übernachtungspreise im Vergleich zu unseren bisherigen Reiseländern (60€/Nacht in der Mitte von Barcelonas 5km langem Stadtstrand), die sich durch ganz Spanien durchziehen sollten.

Während wir also erste Spaziergänge durch diese (zu Recht) weltbekannte spanisch-katalanische Metropole und einige kurze Tagesausflüge an Land und auf dem Wasser mit unseren Gästen der Woche (Vidu, Martina, Bernhard, Olli und Jenny) unternahmen, warf ein lokaler Mechaniker einen ersten Blick auf unsere Ruderanlage. Schnell war klar: Dieser Schaden würde nicht im Wasser zu beheben sein, die Amadie musste ins Trockendock. Alles beten und betteln half nichts, der Kran griff unter die alte Lady und hievte sie erbarmungslos aus ihrem natürlichen Element. Die Crew und Gäste bezog ein AirBnB in der Innenstadt und der Mechaniker unseres Vertrauens ging ans Werk. Der Schaden gestaltete sich leider etwas aufwändiger als geplant, so dass ein Großteil der Ersatzteile neu und individual gefertigt musste. Die Lieferdauer der Teile und schlechte Verfügbarkeit des Krans zum Aus- und Einbau des Ruders verzögerte die Reparatur immer wieder um einige Tage, bis wir schließlich bei neun Tagen im Trockendock und Gesamtkosten jenseits der 5.000€ landeten. Natürlich nutzen wir die Zeit, um gleich selbst einige kleiner Ausbesserungsarbeiten am Antifouling am Rumpf der Amadie durchzuführen. Glücklicherweise übernahm unsere Versicherung am Ende einen Großteil der Kosten, doch wir werden alles daransetzen, in Zukunft solche Reparatur-Eskapaden zu vermeiden. Aber die Amadie ist ein 13 Jahre altes Schiff, die Belastungen einer Weltumsegelung immens und die sieben Weltmeere noch für jede Überraschung zu haben.

Das Auskranen eines 13 Tonnen Boot
Neun Tage im Trockendock
Erster Blick auf Barcelonas Arc de Triomph

Doch kommen wir zum schönen Teil dieser Episode: Unsere zwei Wochen Landgang in Barcelona! Plötzlich eröffnete sich für uns eine völlig neue Welt, ein völlig neues Lebensgefühl. Unsere WG befand sich plötzlich nicht mehr auf dem Wasser, sondern wie bei jedem normalen Menschen in einer Appartementwohnung im dritten Stock eines Mietshauses. Das ständige Auf und Ab der Wellen wurde durch jenes eines Fahrstuhls ersetzt, der gellende Schrei der Möwen durch knatternde Automotoren und die warmen Strahlen der Sonne…naja, gut, es ist die Sonne. Die ist überall gleich. Der Punkt ist, wir fühlten uns urplötzlich zurück versetzt in unser normales Leben, bestenfalls in jenes eines gewöhnlichen Rucksacktouristen auf Auslandsreise. Und es war schön. Zumindest für einen Moment. Es dauerte nur wenige Tage und wir hatten uns einen richtigen Freundeskreis aufgebaut. Sei es über unsere Gäste, Bekannte aus Deutschland auf Urlaub in Spanien, Tinderdates, lokale Brettspielegruppen, zufällige nächtliche Bekanntschaften mit Austauschstudenten und -studentinnen. Es herrschte wahrlich kein Mangel an lieben und lustigen Menschen, um unsere Tage in Barcelona zu füllen. Und die Stadt selbst tat ihr übriges.

5km Sandstrand im Herzen der Stadt

Spaß am Strand mit Amadie und Freunden
Nachts unterwegs mit alten und neuen Bekanntschaften

Barcelonas Stadtbild ist durch zahlreiche Parks und Sportanlagen geprägt, die sich nahtlos in die symmetrischen Häuserblocks integrieren. Der Stadtstrand ist riesig, gepflegt und mit Volleyballfeldern, Trimm-dich-Geräten und gut Aussehenden Barceloniern gespickt. Die Altstadt ist verwinkelt, verziert und verträumt. Restaurants und Bars unterschiedlichster Couleur säumen die Straßenzüge uns sorgen für ein exzessives Nachtleben, trotz der Coronabedingten Sperrstunde ab Mitternacht. Die Sagrada Familie, der Güell Park, die schmuckvollen Gaudi-Häuser und zahlreichen Kirchen machen die Stadt zu einem Märchenland für jeden Architekturinteressierten. Die Nächte am Stadtstrand und in den belebten Parks und Plätzen bildeten einen krassen Unterschied zu unserer gewohnten Einsamkeit auf dem Meer.

Die höchste Kirche der Welt: Sagrada Familia

Blick auf Barcelona vom Güell Park
Bizarre Architektur im Güell Park

Ein besonderes Highlight war unser Ausflug an das Bergkloster Montserrat. Spektakulär gelegen an der Flanke eines weit aufragenden Felsmassivs ist diese Klosteranlage ein weitreichender Touristen- und Wanderfreundemagnet. Auch Jan, Hendrik und Tilman nutzten die Gelegenheit für einen zwei tägigen Hike durch die bewaldeten Hügel im Vorland der zerklüfteten Klosterberge. Wälder und Auen und einsame Zeltplätze in wilder Natur waren Balsam für unsere wassergetränkten Pfadfinderseelen.

Wunderschöner Blick vom Bergkloster
So schön von innen wie von außen
Ein steiniger Weg hinab von Montserrat
Flüsternde Riesen bewachen unseren Zeltplatz
Nichts besseres als eine Mittagspause nach einem langen Wandertag
Wandern niemals ohne unsere Pfadfinder-Flaggen
Endlich zurück auf dem Wasser!

Am 08.09. schließlich sank die Amadie grundsaniert und mit einem Seufzer der Erleichterung zurück in die blauen Fluten. Wir verbrachten den Vormittag damit unsere geliebte Lady mit Vorräten und der nächsten Gästefuhre bestehend aus unseren nunmehr Stammgästen Matze, Saskia und Rafael sowie unserem Neuzugang Katha zu beladen. Mit einem Jubelschrei und breitem Grinsen auf dem Gesicht hissten wir volle Segel und stürzten uns in die Wellen. Mit Poseidons Gunst im Rücken schoss die Amadie gen Süden, ihrem nächsten spanischen Abenteuer entgegen. Endlich wieder in Freiheit!

Die bewegten und bewegenden Bilder zu diesem urbanen Abenteuer gibt es wie immer in unserem Video zu bestaunen:


Eine Reise durch die Geschichte: Abenteuer in Italiens Süden (Teil 2)

Am 05.08. machte sich der dritte Nachteil der Kap-Bucht-Struktur Kalabriens bemerkbar: Da es in dieser Region allgemein wenig Segelverkehr gibt, halten die meisten Häfen kaum Liegeplätze für Gäste bereit. Die ersten zwei Häfen, die wir an diesem Abend anfunkten, waren restlos überfüllt und erst im dritten Hafen, in Agropoli, fanden wir in der Hafeneinfahrt einen geschützten Ankerplatz vor den nächtlichen Wellen. Wir hätten es schlechter treffen können: Die Altstadt dieses kleinen Küstenorts hatte mit breiten Steintreppen, engen Gassen und einem mittelalterlichen Fort alles, was für einen romantischen Abendspaziergang benötigt wurde (und natürlich Eis und Pizza Nr. 3). Den Folgetag nutzten Tilman und Philipp zum strategischen Zersägen der Bodenplatten unter unserem Salontisch, um uns zusätzlichen Stauraum im Fußraum zugänglich zu machen - eine vorausschauende Erweiterung unserer Vorratskammern für die näher rückende Atlantiküberquerung. Während Réné sich bereits verabschiedete, nutzten Jan, Hendrik, Maike und Leonie den Tag für eine ausgedehnte Wanderung in den pittoresken Küstenort San Marco (Eis und Pizza Nr. 4).

Nach einem emotionalen Abschied am nächsten Morgen von unseren letzten Gästen, zog die Amadie weiter die italienische Küste hinaus, mehrere historische Ausgrabungsstätten im Fokus. Der erste Zwischenstopp führte uns nach Paestum. Auf etwa einem Quadratkilometer wurden hier die Grundmauern einer antiken griechischen Siedlung freigelegt. Absolutes Highlight sind die drei gut erhaltenen Tempel, die mit ihren breiten Säulen und dreieckigen Giebeln an die Akropolis in Athen erinnern. Das benachbarte Museum bot eine Reihe bunt bemalter Grabplatten, die einen Einblick in den 3.000 Jahre alten Totenkult der Siedler bieten. Die Schwüle und Anstrengungen eines so langatmigen Ausflugs zwangen die Crew an diesem Nachmittag eine neue Technik zu entwickeln: Es stellte sich heraus, dass man mit Schwimmweste und Sicherungsleine an der ankernden Amadie ganz hervorragend auf dem Rücken im Wasser treiben und völlig anstrengungslos ein kaltes Bier genießen kann.

Derart gestärkt ging es weiter nach Salerno, wo Matthias, Caro und unseren jüngsten Gast, den sechsmonatigen Matteo ihre Kabinen an Bord bezogen. Die folgenden drei Tage entlang der Amalfi-Küste boten einige fantastische Ausblicke auf die Steilhänge dieser Landzunge, Gelegenheiten zum Schnorcheln und Erkunden der Zitronenplantagen und Touristenorte. Die penetrante Hitze trieb uns aber stetig voran auf der Suche nach erfrischenden Buchten und schattigen Restaurants. Schließlich erreichten wir am 12.08. ein lange ersehntes Highlight unserer Italienreise: Pompeji und den Vesuv.

Selten zuvor hatten wir eine hässlichere Stadt gesehen auf unserer Reise. Der ganze Küstenstreifen vor Pompeji stank wie eine fürchterliche Kloake, die Ufersteifen waren übersät mit Bauschutt, Müll und Industrieanlagen. Beides hinderte die Ortsansässigen nicht an ihrem Badevergnügen, aber wir versuchten nur so schnell wie möglich die drei Kilometer vom Ufer zu der weltberühmten Ausgrabungsstätte zurück zu legen, vorbei an viel befahrenen Straßen und heruntergekommenen Häuserzeilen. Die Ausgrabungsstätte allerdings bot alles, was wir uns erhofft hatten: altrömische Villen, deren gut erhaltene Fresken, Wände und sogar Mobiliar den Eindruck erweckten, als hätten die Bewohner sie vor einem und nicht zweitausend Jahren verlassen, ganze Barviertel, deren Tresen und Küche zur sofortigen Widernutzung bereitstanden, Tempel und Theater, Straßen und Alleen und schließlich ein Marktplatz, über dem majestätisch und bedrohlich der Vesuv thront, jener apokalyptische Konservator Pompejis und seiner 10.000 Bewohner. Mittels einer speziellen Gusstechnik wurden auch die Abdrücke einiger Leichen, die man in den meterhohen Ascheschichten bei der Freilegung der Stadt gefunden hatte, rekonstruiert. Die schwarzen Körper in kauernder Haltung, die Arme schützend über den Kopf geschlagen, verdeutlichen auf grausame, bedrückende Art die schicksalhaften letzten Momente unserer 2.000 Jahre alten Mitmenschen.

Der nächste Tag konnte folglich nur ein Ziel für uns bereithalten: Die Ersteigung des Vulkans selbst. Mit dem Bus ging es zunächst bis 200 Meter unter den Gipfel. Der Ausblick über die Bucht von Neapel war bereits ab dieser Höhe spektakulär, die kraterhafte Felslandschaft des Vulkanhangs außerirdisch. Leider war der Zugang versperrt. Nur mit online zu buchenden Tickets, die drei Tage im Voraus stets ausverkauft sind, konnte man auf dem offiziellen Zugang die letzten zweihundert Meter zurücklegen. Doch so leicht geben wir nicht auf und wir wären keine Pfadfinder, wenn wir nicht unseren eigenen Pfad finden könnten. Auf mehr oder weniger offiziellen Wanderwegen schlugen wir uns also auf die Rückseite des Vulkans durch, erkletterten ein paar Geröllhalden und zerbrachen uns ergebnislos die Köpfe, was wohl die vielen Schilder mit der Aufschrift „Passaggio vietato“ bedeuten mochten. Schließlich erreichten wir den Rand des Kraters und standen vor einer letzten Schranke. Der hier postierte Ranger schaute uns sehr irritiert an, wie wir es geschafft hatten, einen seit vier Jahren gesperrten Wanderweg zu beschreiten. Erbost machte er übers Funkgerät seine weiter unten postierte Kollegin zur Schnecke, die uns und wir sie natürlich nicht gesehen hatten und winkte uns dann gnädig für zwei Minuten an den Rand des Kraters. Schließlich waren wir ja sechs Stunden den ganzen Weg aus Pompeji zu Fuß hier hochgelaufen (so zumindest seine Annahme). Ein kurzer Blick in den gähnenden Schlund des inaktiven Vulkans und wir wurden wieder den Hang hinab gescheucht. Nachdem wir der Rangerin am Eingang des Wanderweges ein zweites Mal ausgewichen waren, machten wir uns auf den Rückweg zum Bus, freudig erregt über die schöne Wanderung. Hilfreich wie wir sind, gaben wir auf dem Weg hinab noch einem verzweifelten, verschwitzten Amerikaner, der bereits seit einer Woche versuchte, Tickets für den Aufstieg zu bekommen, nützliche Praxistipps, wie es auch ohne geht – natürlich auf eigene Verantwortung.

Froh, endlich die Kloake vor Pompeji verlassen zu können, plünderten wir noch kurz ein altes Segelwrack und setzten Kurs gen Neapel. Vor unserem Aufenthalt in dieser pulsierenden Metropole legten wir allerdings noch den obligatorischen, wöchentlichen Zwischenstopp in einem kleinen Yachthafen ein, um die geschrottete Beibootmotorschraube zu ersetzen, das Schiff von innen und außen zu schrubben und noch einige, kleinere Ausbesserungsarbeiten zu erledigen. In Neapel selbst fanden wir einen guten Ankerplatz neben der Halbinsel des Castel dell’Ovo. Ein Vorteil, mit seinem eigenen Segelschiff zu reisen, ist die Möglichkeit, regelmäßig kostenlos mit einem malerischen Blick auf eine Stadt nächtigen zu können, für den jedes Hotel einen dreistelligen Aufschlag verlangen würde. Die nächsten eineinhalb Tage verbrachten wir mit einer ausgedehnten Besichtigung der Kastelle, Museen, Palazzi, Katakomben und Kirchen dieser in die Jahre gekommenen, aber sehr lebendigen Großstadt. Ziellose Spaziergänge durch die Altstadt gaben einen Eindruck von der Dynamik und Vitalität im Tag- und Nachtleben. In einer Seitenstraße kamen wir unverhofft in den Genuss der wohl besten Pizza unseres Lebens (und es war nicht mal eine Pizza Napoli). Diese Entdeckung wurde gleich für Eis und Pizza Nr. 5 und 6 genutzt.

Positiv überrascht und mit vollen Vorratskammern brachen wir noch am Abend des 16.08. nach Sardinien auf. Zwanzig Stunden später erreichten wir Ponza, ein letzter insularer Außenposten fünfzig Meilen vor dem italienischen Festland. Umso überraschter waren wir, dass die halbmondförmige, nicht einmal sechs Kilometer lange Insel von hunderten Ausflugsbooten bevölkert wurde. Hier waren auf einem Fleck mehr Schiffe versammelt, als wir bisher in ganz Italien in freier Wildbahn gesehen hatten. Bis heute ist uns schleierhaft, wieso so viele Urlauber die Mühen einer Nachtfahrt für diese schöne, aber nicht außergewöhnliche Insel auf sich nahmen. Wir setzten hingegen nach kurzer Schwimmpause unsere Reise gen Westen fort und waren bald wieder alleine mit der See und dem Wind. Unser Nachtschichtsystem funktioniert mittlerweile reibungslos, die Manöver sind eingeübt, detaillierte Kommandos überflüssig. Flauten werden mit Badespaß, erfolglosen Angelversuchen und Filmen auf unserem Bordbeamer überbrückt. Einziger Aufreger: Während einer Nachtschicht riss unser Beiboot bei ordentlich Welle zwei Stangen des Geräteträgers, an dem es festgebunden war, aus der Verankerung. Drei Mann waren eine gute Stunde mit Taschenlampen und Lifebelts gesichert damit beschäftigt, unsere Solarmodule zu retten und den Träger zu stabilisieren. Bis auf weiteres werden wir das Beiboot nur noch an einem Seil hinter der Amadie schleppen.

Die Nordspitze Sardiniens ist ein unerwartetes Segelparadies. Pläne für einen Abstecher nach Korsika wurden schnell verworfen. Viele kleine Inseln und zahlreiche Buchten mit paradiesischen Sandstränden mischen sich hier mit einem kräftigen Windsystem in der Straße von Bonifacio. Die Landschaft ist wild und schön, die Ausbreitung der Hotelkomplexe noch im Anfang begriffen. Wir besichtigten ein altes Fort, spektakuläre Felsformation, gingen joggen und schnorcheln und verbrachten drei sehr erholsame Tage. Am letzten Abend stolperten wir unvermittelt in ein kleines Tal, der Strand wunderschön gelegen zwischen weißen Klippen, in dem sich eine Hundertschaft Hippies versammelt hatte. Zwischen kleinen Zelten und rudimentären Behausungen wurde getanzt, getrommelt, allerlei fragwürdige Substanzen konsumiert und ausgelassen ein Vollmondfest gefeiert. Das Spektakel rund um die kleine Kolonie war lebhaft und lustig und ist in der Community wohl weit über die Grenzen Sardiniens bekannt. Ein Verweilen war verführerisch.

Doch uns rief ein anderer Geist und freie Liebe hin oder her, in unserem Leben gibt es Platz für nur eine Dame. So sagten wir Arrividerci, bella Italia! Das nächste Abenteuer ruft!

Dieses hier könnt ihr wie immer auch in unserem Video noch einmal miterleben:


Pizza, Höhlen und Ausgrabungen: Abenteuer in Italiens Süden (Teil 1)

„Land in Sicht!“ Am Nachmittag des 29. Juli erscholl der stereotypische Ruf der Ruderwache, als sich im diesigen Horizont die ersten Hügel abzuzeichnen begannen. Bella Italia! Wir hatten nach fünf Tagen und knapp 1.000km die Südspitze des Stiefels erreicht.

Die Überfahrt von San Torin hatte sich weitestgehend ereignislos gestaltet. Nach vierundzwanzig anstrengenden, aber schnellen Stunden in den Fängen des Meltemi, kamen wir in den Windschatten der Peleponnes, motorten ein kurzes Stück und zogen anschließend zwei Tage mit annehmbarer Geschwindigkeit dahin, einzig unterbrochen durch unsere erste Walsichtung und Hendriks Geburtstag. Am vierten Tag flaute der Wind schlagartig ab und nach einem halben Tag ohne Fahrt, ziellos treibend im Nebel und mit keiner Aussicht auf Wetterbesserung, rangen wir uns dazu durch, die letzten 150 Seemeilen (277km) unter Motor zurück zu legen.

Was für ein erfrischender Anblick waren nun nach all dem steinigen Grau Griechenlands und allumfassenden Blau der letzten Tage die grün bewaldeten Hügel unseres fünften Reiselandes. Kaum dass wir uns der Straße von Messina näherten, frischte auch der Wind in dieser Meerenge schlagartig auf und wir kreuzten die letzten Meilen unserem ersten italienischen Checkpoint entgegen: Reggio di Calabria. Am Kai erwartete uns bereits gespannt Jans Familie (Maike, Manuel und Leonie) sowie Réné, ein Freund von Philipp. Trotz starker Brise gelang das mittlerweile vielfach geübte Anlegemanöver problemlos und wir konnten uns auf festem Boden ganz der Landkrankheit hingeben. Außer der Möglichkeit, unsere Vorratskammern aufzufüllen, hatte Reggio di Calabria als wohl eine der hässlichsten süditalienischen Städte nichts zu bieten und so setzten wir früh am nächsten Tag Segel gen Norden. Während unsere Gäste erste Segel- und Steuererfahrung sammelten genossen wir den Blick auf Sizilien und die vor uns liegende Meerenge.

Die Südwestküste Italiens zeichnet sich geographisch durch abwechselnde Kaps und dazwischen liegende Buchten von bis zu 150km Länge aus – der Golf von Gioia, die Nordhälfte Kalabriens, die Bucht von Salerno, die Bucht von Neapel. Segeltechnisch bietet dies zwei große Nachteile, die wir in den kommenden Wochen immer wieder zu spüren bekommen sollten: Erstens herrscht in diesen Küstenabschnitte durch die abschirmenden Kaps an beiden Enden meist lähmende Windstille, zweitens verfügen sie über keinerlei natürliche, geschützte Buchten, um nachts Schutz vor Seegang gen Land zu finden. Ein wenig kompensiert wurde dies allerdings durch die fantastischen Panoramablicke auf die bewaldeten (und höchstens zur Hälfte brennenden), langgezogenen, grünen Hügel und Berge Kalabriens mit ihren zahlreichen, eng an die Hänge geschmiegten Dörfern.

Dem schwachen Wind trotzend kämpfte sich die Amadie tapfer voran über das Capo Vaticano nach Tropea (Eis und Pizza Nr.1), wo wir die ausgedienten Falle in unserem Großmast erneuerten und die Betakelung für unser Gennaker-Vorsegel vorbereiteten. Weiter ging es über zwei Tage und Nächte gen Capo Palinuro. Eine gute Möglichkeit zum Höhlentauchen, Schnorcheln, Bouldern und Joggen bot der wunderschöne natürliche Hafen Baia degli Infreschi mit seinen eiskalten Süßwasserzuflüssen. Am Kap selbst erkundeten wir ein halbes Dutzend Höhlen, die unterschiedlicher und abwechslungsreicher nicht hätten sein können. Von einer penetrant nach Schwefel stinkenden Grotte, in die wir in völliger Dunkelheit eine halbe Stunde hineinschwimmen konnten, über Felsendome mit spektakulären Stalagmiten, die an ein Gelege einer riesigen Höhlenspinne erinnerten, bis zu einer Höhle, die so weitläufig und verwinkelt war, dass wir nach über zwei Stunden wandern und klettern im Schein der Taschenlampen noch immer nicht jedes Tunnelende auch nur gesehen hatten. Erholung von dieser aufregenden Erkundungstour fanden wir im Bergdorf Pisciotta (Eis und Pizza Nr. 2). Überschattet wurde der Abend nur von einem kleinen Unfall, als wir mit der Schraube unseres Beibootmotors einen Stein rammten und diese hoffnungslos verbogen.

Genießt einen Eindruck unserer Höhlentouren (u.a.) in unserem ersten Italienvideo. Wie es mit unserem Motor weiterging und welche Entdeckungsreise in die Antike uns noch erwarteten, erfahrt ihr in unserem zweiten Blogeintrag zu Italien (coming soon):


Unsere Odyssee: Eine Reise durch Griechenlands felsige Küsten und Inseln

Ah, Griechenland, antike Hochkultur, Wiege der europäischen Bürokratie…oder so ähnlich. So kam es uns jedenfalls vor, als wir am 28.06. an der Zollstelle von Korfu-Stadt festmachten und versuchten, unser Schiff in Griechenland einzudeklarieren. Uns erwartete ein Marathon, doch ging es in unserem Fall nicht darum, eine persische Übermacht zu bezwingen, sondern die Hürden der griechischen Bürokratie zu bewältigen. Beinahe zwei Tage verbrachten wir in der (ansonsten sehr sehenswerten Altstadt Korfus) damit, Corona-Impfzertifikate, Pässe, Bootspapiere, Vignetten-Nachweise, Bankauszüge, einen rosaroten Elefanten und was man sonst noch alles für die Eindeklarierung brauchte. Nur um am Ende zu erfahren, dass wir den ganzen Prozess am nächsten Tag, dem 01.07. nochmal durchlaufen müssten, da ein neuer Monat beginnen würde. Das war uns zu viel und wir setzten nach Besichtigung der venezianischen Festungsanlagen lieber die Segel gen Süden. Die letzte Nacht unserer Gäste Tobi, Andrea und Michael an der Südspitze Korfus hielt eine besondere Überraschung für uns bereit: Ein Tauchbad in fluoreszierendem Plankton, dass bei jeder Bewegung unter Wasser aufglühte wie eine Sternenwolke und jeder Handgeste eine funkensprühende magische Aura verlieh.

Mit reduzierter Mannstärke (Hendrik war für die zweite Corona-Impfung nach Deutschland aufgebrochen), zogen wir weiter südwärts: Nach einem kurzen Zwischenstopp auf Paxos, um unsere Wassertanks aufzufüllen und einen Burger am Heck der Amadie im Restaurant auf der Kaimauer zu genießen, trugen uns die Winde über zwei Tage stetig voran. Vorbei an Ithaki und Kefalonia bis an die Küste bei Araxos. Dort wollten wir eigentlich unsere nächsten Gäste, Matthias und Saskia, aufnehmen, doch Wind und Wellen waren so heftig, dass wir die Nacht nicht am vereinbarten Strand verbringen konnten und uns stattdessen hinter einer Landzunge in der Einflugschneise des Flughafens von Araxos verstecken mussten. Um den Leuchtbojen, die den Anflug zum Rollfeld markierten, keine Konkurrenz zu machen, löschten wir alle Lichter, zogen alle Vorhänge zu und nahmen unser bis dato erstes und einziges Abendessen unter Deck ein.

Poseidon segnete unsere Fahrt mit kräftigen Winden und am nächsten Tag rauschten wir mit verstärkter Crew nur so dahin bis Zakynthos. Die Highlights hier waren sicherlich die schöne Kraterbucht vor Keri, eine Wanderung über die ausgedörrten Olivenhaine und Felsfelder der Insel, abenteuerliche Höhlentauchgänge, aber vor allem der Strand von Navagio. Hier rostet in einer engen Bucht vor steil aufragenden Felswänden ein alter Fischkutter am Strand vor sich hin und bietet einen wahrlich spektakulären Anblick. Eine detaillierte Besichtigung und Klettertour ließen wir uns natürlich nicht entgehen. In der folgenden Nacht machte sich allerdings das breite Heck der Amadie bemerkbar: Selbst die kleinsten Wellen bringen die Amadie vor Anker bereits ordentlich ins Schaukeln und in dieser Nacht blieb kein Teller und kein Glas an seinem vorgesehenen Platze.

Es folgte eine längere Überfahrt nach Voidokilias und Methoni, wo wir weitere venezianische Festungsanlagen besichtigten, die sich an strategisch wichtigen Orten die gesamte Adriaküste hinunterziehen. Von dort ging es weiter an die Südspitze des Mittelfingers des Peloponnes, wo wir auf Hendrik und einen Haufen Feuerfische stießen – die Plagen des Mittelmeers. Um einen dieser südlichsten Punkte Europas Festlands ranken sich zahlreiche Legenden und entsprechend viel bot ein Abend an der Spitze des Fingers: Das Tor zum Hades, ein Jahrtausende alter Schrein Poseidons, majestätische Turmhäuser auf den Gipfeln der vertrockneten Hügel, ein malerischer Sonnenuntergang am Leuchtturm, der seinesgleichen sucht.

Der nächste Stopp unserer Insel-Tournee war das Wanderparadies Kithira. Matthias und Saskia legten hier einen fliegenden Wechsel mit unseren nächsten Gästen, Jonas, Janusz und Rafael hin. Wie der Zufall so wollte, trafen somit am Abend des 09. Juli zehn Personen an Bord der Amadie zusammen, um ausgelassen in Jans 29. Geburtstag hineinzufeiern. Ein sehr lustiger Abend mit (kotz-)üblen Konsequenzen für die katernden Gäste am nächsten, stürmischen Tag. Gut, dass uns die Bucht von Diakofti ausreichend Schutz bot. Zunächst füllten wir jedoch unsere Wassertanks, indem wir 300 Liter in Kanistern von einem Hinterhofwasserhahn des Fähranlegers zur Amadie schleppten, da die eigentliche Wasserversorgung des Anlegers leider zusammengebrochen war und der lokale Sheriff/Hafenmeister/Feuerwehrhauptmann uns nicht weiterhelfen konnte, da am Wochenende in Griechenland leider kein Handwerker zu erreichen ist. Die nächsten zwei Tage waren geprägt von erholsamen Badepausen, anstrengenden Wanderungen, köstlichen Restaurantbesuchen und dem Abtauchen eines weiteren, spektakulären Wracks, dessen Unterwasserwelt gespenstisch und lebendig zugleich wirkt.

Weiter ging es nach Milos, einer Vulkaninsel mit schnuckeligen Dörfern und weißen Vulkangesteinsstränden. Hier verließ uns zu unser aller Bedauern unser längster Gast Maite, mit der wir bis dato mehr Zeit als ohne sie auf der Amadie verbracht hatten.

Die bierlastige Partystimmung der aktuellen Crew konnte im Folgenden jedoch nur von einem Ziel befriedigt werden: Der Partyinsel der Reichen und Schönen – Mykonos. Wir fühlten uns jedoch zunächst reichlich fehl am Platz, als wir schließlich in einer Bucht zwischen Dutzenden Megayachten ankerten, die die Amadie größtenteils in ihrer Beibootgarage hätten aufnehmen können - Wenn sie überhaupt eine besaßen und die Eigner nicht direkt per Hubschrauber an Land geflogen wurden. Am zugehörigen Badestrand, wo der Champagner nur so in Strömen floss, verscheuchte man uns mehr oder weniger mit dem Besen, als wir versuchten mit einer Ladung schmutziger Wäsche und ein paar Müllbeuteln anzulanden. Auch die Besichtigung von Mykonos-Stadt war zwar auf den ersten Blick sehr hübsch, am Ende aber ein überteuertes Disneyland Griechenlands. Zum Glück führte uns die Suche nach einem Waschsalon am dritten Tag an den Paradise Beach. Ein Strand, der deutlich eher unserem (Preis-)Niveau entsprach und an dem wir einen äußerst geselligen Partyabend mit zahlreichen Partybegeisterten unseres Alters aus aller Welt verbrachten.

Nunmehr beladen mit Philipps Familie, Erhard, Corinna, Nadine und unserem bis dato jüngstem Crewmitglied, dem vierjährigen Finn, ging es weiter nach zur Nachbarinsel Delos. Dort gibt es ein eindrucksvolles UNESCO-Weltkulturerbe zu besichtigen: die Ruinen einer antiken Stadt, die in ihrer Hochzeit 30.000 Einwohner beherbergte. Die Überreste zahlreicher Tempel und teilweise ganzer Stadtviertel geben hier einen guten Eindruck in das Leben einer griechischen Metropole vor 2.500 Jahren.

Nächstes Ziel: Naxos. Die Altstadt der gleichnamigen Inselhauptstadt, obgleich ebenfalls touristisch angehaucht, vermittelte einen deutlich natürlicheren und bewohnteren Eindruck einer griechischen Hafenstadt. Neben den markanten weißen Steinhäusern und -straßen fanden wir hier einige kulinarische Besonderheiten und die Möglichkeit unser Nahrungs-, Gas-, und Wassertanks aufzustocken.

Das letzte Ziel unserer Odyssee durch Griechenland war die Vulkaninsel Santorin. Spektakulär erheben sich ringförmig steil aufragende Klippen um eine kleine, zentrale Insel aus gigantischen, vulkanischen Felsbrocken, als hätte ein Riese seinen Steinkrug zerschlagen. Wir hatten zunächst einige Schwierigkeiten an den steil abfallenden Klippen einen Ankerplatz zu finden, zumal der Meltemi, das vorherrschende, starke Nord-Süd Windsystem in Ostgriechenland uns kräftig um die Ohren pfiff. Von den überall ausliegenden Ankerbojen wurden wir schnell verscheucht, da diese für Tagesausflugsboote reserviert waren. Schließlich warfen wir eine Landleine an die zentrale Geröllinsel und kletterten und tauchten eine Weile in diesem Mordor Griechenlands. Der nächste Tag war nicht weniger windig und wir versuchten zunächst ein gutes Dutzend Boottaxi-Unternehmen auf Santorin anzurufen. Leider waren alle ausgebucht, operierten nicht mehr oder waren mittlerweile Floristen und Hochzeitsplaner. In unserer Verzweiflung versuchten wir noch einmal den Hafen von Oia anzulaufen und siehe da – wir ergatterten den einzigen freien Platz an der winzigen Kaimauer vor der Klippenstadt. Natürlich lebt auch diese Stadt nur vom Tourismus, doch das tat dem nächtlichen Anblick der beleuchteten Höhlenhäuser und weißen Terrassen mit Blick über den gigantischen Vulkankrater Santorins keinen Abbruch. Ein wahrlich spektakuläres Finale unserer Griechenlandreise.

Am 24.07. verließ uns die Klicksche Familie, wir installierten unser AIS-System, um nun jederzeit live ortbar zu sein und setzten volle Segel zu unserer bis dato längsten, 950km langen Überfahrt gen Italien. Ob und wie wir diesen ersten Blauwasser-Stresstest gemeistert haben erfahrt ihr in unserem neuesten Video:


Europas unbekannte Küsten: Reisen durch Montenegro und Albanien

Am Mittag des 15.06. überquerten wir unsere erste internationale Grenze von Kroatien nach Montenegro und segelten unter starken Westwinden, die uns zu unserem ersten Reffmanöver zwangen, in die Bucht von Kotor ein. Schlagartig ließen Wind und Wellen nach und um uns erhoben sich majestätisch auf allen Seiten bewaldete Berghänge, die kaum Platz für zwei Häuserreihen in den vielen kleinen Dörfern an ihren Ufern ließen. Kurz darauf nahmen wir in Tivat unseren nächsten Gast, Hendriks Bruder Tobi, an Bord. Die geschützte Bucht verbunden mit einigen finanziellen Anreizen schien es für zahlreiche Multimillionäre äußerst attraktiv zu machten, ihre Megayachten vor Tivat zu parken. Circa 30 Luxusyachten lagen hier vor Anker, von denen die meisten die Amadie in ihrer Beiboot-Garage hätten aufnehmen können. Der Großteil von ihnen hatte allerdings bei all dem Prunk und Komfort ein entscheidendes, unentschuldbares Defizit: Ein eklatanter Mangel an Segel.

Es kostete uns beinahe einen kompletten Tag in die verwinkelte Bucht einzulaufen, so dass wir erst am nächsten Morgen ihr Ende in Form der alten Hafenstadt Kotor erreichten. Ein abendliches Erklimmen der umliegenden Stadtmauer schenkte uns einen malerischen Sonnenuntergang, ein Flanieren durch die pittoreske Altstadt ein Partyleben, wie die meisten von uns es seit Vor-Coronazeiten nicht mehr erlebt hatten.

Am nächsten Morgen brach die Crew exklusive Philipp, der weiter an seiner Bachelorarbeit zu unserem Energiesystem arbeiten musste, zu einem drei-tägigen Hike in Montenegros Hinterland auf. Eine halbtägige Busfahrt führte uns durch eine dicht bewaldete Berglandschaft, nur durchzogen von schmalen Straßen und tiefen Flusscanyons. Unzugänglich, wild und grün, ein echter europäischer Dschungel. Die erste Station unserer Wanderung führte in den Gora Nationalpark, ein unberührter Urwald um einen kleinen See mitten in den Bergen. Auf wenigen Quadratkilometern finden sich hier mehr Pflanzenarten, Amphibien, Insekten und Vogelstimmen, als in den meisten deutschen Bundesländern insgesamt. Die nächsten zwei Tage führten uns unausweichlich hinauf auf die umliegenden Berghänge. Ein anstrengendes Unterfangen, aber die Ausblicke auf die unberührte montenegrinische Berglandschaft machten dies mehr als wett. Als Belohnung gab es auf einem einsamen Bauernhof ein reichhaltiges Abendessen aus frisch gebackenem Maisbrot, Ziegenkäse, Schinken, Zwiebeln und Kartoffeln. Unser Fazit zu Montenegro: Ein echter Geheimtipp im Herzen Europas für alle die Gastfreundlichkeit und Bergwanderungen lieben.

Zurück auf der Amadie standen nun nach den ersten entspannten „Trainingswochen“ einige größere Schläge auf dem Routenplan. Zunächst ging es noch ein Stück weiter nach Budva, wo wir Lebensmittel aufstockten und schließlich zur ersten Nachtfahrt übers offene Meer bis nach Durres in Albanien. Ganz können wir uns Corona noch nicht entziehen und so mussten dort Philipp und Tilman von Bord, um für ein paar Tage für ihre Zweitimpfung nach Deutschland zurück zu kehren. Der Rest der Crew nutzte die Zeit, um das Schiff in Albanien einzudeklarieren, Wäsche zu waschen, die nicht sehr ansehnliche Stadt zu erkunden und zu tanken. Schmucklose Hochhäuser und viel Verkehr waren die prägendsten Elemente um den Industriehafen. Auch das Tanken gestaltete sich etwas schwierig, da es in Albanien keine Hafentankstellen für kleine Yachten gibt und uns mitgeteilt wurde, dass es nur Tanklaster mit >3.000 Liter Kapazität gibt. Während unserer Stadtbesichtigung gelang es aber dem freundlichen und etwas durchgeknallten Hafenpersonal einen Pick-up-Truck mit einem Dieselfass neben unser Boot zu manövrieren. Durch nuckeln am Schlauch schaffte es der Lieferant schließlich den Truck, den Hafen, sich selbst, die Amadie, aber glücklicherweise auch den Tank unseres Schiffes mit ausreichend Diesel zu bespritzen, dass wir weiterfahren konnten.

Die nächsten Tage waren entweder geprägt von gemächlichem Dahindümpeln bei kaum zu ertragender Schwüle oder Dahinrasen bei föhnartigen Fallwinden von den küstennahen Bergen. Die meiste Zeit war das Wasser so flach, dass wir noch Kilometer vor der Küste sicher ankern konnten. Landschaftlich und architektonisch gab es in Küstennähe nicht viel Interessantes zu sehen, bis auf einen größeren Salzsee hinter einem belebten Badestrand, der als „Naturschutzgebiet“ deklariert war, trotz der zahlreichen Dörfer um ihn herum. Mit lesen, Brettspielen, musizieren und schwimmen verging die Zeit dennoch wie im Fluge und schließlich erreichten wir die Nordspitze Korfus. Nachdem wir dort mit Andrea und Michael zwei weitere Gäste an Bord genommen hatten, ging es nochmal zurück zu Albaniens südlichster Küstenstadt Saranda. Ein absolutes Highlight war hier der Besuch der Halbinsel Butrinti. An strategisch wichtiger Position zur Kontrolle der Adria siedelten hier seit 2.500 Jahren die verschiedenen Mittelmeer-Großmächte und hinterließen ein gigantisches, wunderschön gelegenes Freilichtmuseum, in dem von griechischen Tempeln über römischen Foren und Villen bis zu venezianischen und osmanischen Festungsanlagen und heidnischen Kultstädten ganze Geschichtsbücher an Ruinen zu besichtigen waren. Ein überraschend beeindruckender Abschluss der sonst eher wenig eindrucksvollen Woche in Albanien. Doch macht euch gerne selbst ein Bild in unserem neuesten Video, während wir uns auf den Weg zur nächsten antiken Hochkultur, nach Griechenland, machen:


Ein steiniger Start: Segeln im kroatischen Inselreich

Guten Mutes hissten wir am Nachmittag des 2. Juni die Segel und machten uns auf den Weg, um die erste von vielen Nächten in einer einsamen Bucht zu verbringen. Das erste Aufblähen der Segel wurde gebührend mit einem 15 Jahre alten Glennfiddich begossen, ein besonderer Tropfen für einen besonderen Moment. Nachdem die Gespräche verstummt waren, blieben wir in dieser ersten Nacht noch lange im Cockpit der Amadie sitzen und bewunderten das Sternenzelt, fernab der nächsten menschlichen Lichtquelle.

Der nächste Tag begann mit einem befreienden Bad im Meer - zumindest bis wir zwei Rückenflossen unser Boot umschwimmen sahen. Ein fachmännischer Drohnenflug beruhigte uns aber: Es handelte sich nicht um einen gefürchteten Mittelmeerhai, sondern um einen seltenen blauen Marlin, auch bekannt als Schwertfisch. In den nächsten Tagen sollten wir noch bei zahlreichen Gelegenheiten größere Fischschwärme und einige Delfinschulen zu Gesicht und vor die Kamera bekommen. Das Mittelmeer ist in dieser Hinsicht ein nicht zu unterschätzender Ort für Fischbeobachter.

Nachdem wir nochmal eine kleine Reparatur an unserem Dinghi-Motor in Sibenik vorgenommen hatten, flossen die ersten Meilen nur so unter unserem Kiel dahin. In den kommenden Tagen konnten wir die Segeleigenschaften der Amadie auf Schot und Tuch prüfen und zeigen uns bis jetzt sehr zufrieden, ob der guten Steuereigenschaften und vergleichsweise hohen Rumpfgeschwindigkeit (der physikalisch maximal möglichen Segelgeschwindigkeit) von ca. 9 Knoten. Nur in den Abendstunden fällt der Wind in Kroatien oft stark ab, so dass wir nicht umhinkamen, ab und an die letzten Meter in die nächste Bucht unter Motor zurück zu legen.

Unsere Reise durch die kroatischen Inseln führte uns an zahlreichen Sehenswürdigkeiten und Naturschauspielen vorbei. Darunter befanden sich zum Beispiel ein Spaziergang entlang einer 500 Jahre alten Festungsmauer gegen ottomanische Landangriffe, eine Besteigung der Klippen auf der Halbinsel vor Split mit fantastischem Blick über die umliegende Bucht, ein Abendessen in einem abgelegenen Inseldorf, ein Tauchgang in einer Grotte, die in ihrer Vergangenheit ein Schmugglerversteck gewesen sein muss und und und. Die urbanen Highlights dieser ersten zwei Segelwochen waren drei der wohl bekanntesten und touristischsten Städte Kroatiens: Split, Korcula und Dubrovnik. In allen drei fiel uns neben den wunderschönen, historischen Altstädten mit den zahlreichen verwinkelten Gassen und beeindruckenden Bauten und Stadtmauern, vor allem die Abwesenheit der üblichen Touristenscharen auf. Ein Nachbeben der Corona-Pandemie, die uns sehr zu Pass kommt. Dies ging so weit, dass wir in Dubrovnik vom kroatischen RTL interviewt wurden, um über die wieder hergestellten Reisemöglichkeiten zu berichten.

Die besten Eindrücke könnt ihr wie immer hier in unserem Video sehen:

In Split nahmen wir unseren ersten Reisegast an Bord, Paul Anderheiden, der uns eine Woche tatkräftig beim Segeln, dem Haushalt auf der Amadie, Schnorcheln, Wandern und Trinken von Bier begleitete. In Dubrovnik gab es einen fliegenden Wechsel zu Maite Andersen – und wir dürfen uns danke euch weiter auf zahlreiche personelle Abwechslung freuen 😊

Das letzte Erlebnis in Kroatien war eine nächtliche Begehung des Hotel Belvedere, das nur sechs Jahre nach seiner Errichtung im Jugoslawien-Krieg aufgegeben wurde und nun seit dreißig Jahren ein Musterbeispiel für einen „Lost Place“ ist. Und tatsächlich verloren wir uns mehrfach in dem gigantischen Komplex mit seinen unzähligen Stockwerken, Anbauten, Sälen, Zimmern, Treppenhäusern. Bei Nacht ein Erlebnis, das geradezu danach schrie, der Auftakt für einen Horrorfilm in einem Geisterhotel zu sein.

Doch wir überlebten. Gerade so. Und freuen uns nun schon darauf, euch in unserem nächsten Eintrag von unseren Abenteuern in Albanien und Montenegro zu berichten!


Liebe auf den ersten Blick: Kauf und Ausrüstung der Amadie

Als wir im Sommer 2020 beschlossen, den fixen Traum vieler Barabende und Schwärmereien über Reisevideos anderer Weltumsegler tatsächlich in die Tat umzusetzen, konnte sich keiner von uns vorstellen, was uns erwarten sollte. Und nun, knapp ein Jahr später im Salon der Amadie drei Tage nach Start unserer Reise, können wir es immer noch nicht wirklich glauben, was wir hier eigentlich tun. Aber lassen wir erstmal das vergangene unsägliche Corona-Jahr aus Sicht einer werdenden Crew Revue passieren.


Wie immer begann alles mit googlen, diesmal nach Online-Bootsbörsen. Wir hatten einige wenige Parameter vordefiniert: 40 Fuß Länge sollten es schon sein für den entsprechenden Komfort und ausreichende Sicherheit und Stabilität für eine Blauwasserfahr. Idealerweise drei Kabinen für Philipp, Hendrik und Jan plus eine Gästekabine. Und nicht zu teuer, 90 Tausend inklusive aller noch zu installierender Zusatzausrüstung planten wir als Limit. Die Liste an Booten in dieser Größe und Preiskategorie war (zum Glück) sehr überschaubar. Schnell hatten wir die Handvoll Eigner kontaktiert, deren Yachten für uns in Frage kamen, vier Termine in Kroatien auf ein Wochenende koordiniert und innerhalb von 10 Tagen die Reise geplant. Wir erinnern uns, Reisen war auch im Sommer 2020 Corona-bedingt nicht unaufwändig, so dass wir hofften mit einem Trip möglichst viel Erfahrung für die weitere Suche sammeln zu können. Die erste Yacht, die wir besichtigten, war direkt eine herbe Enttäuschung; eine 15 Jahre alte Bavaria-Charteryacht, die schon beim groben Hinschauen so viele Schäden aufwies, dass die notwendigen Reparaturen wahrscheinlich die Kosten für den Kauf überstiegen hätten.

Ganz anders bereits die zweite Yacht: Liegeplatz Sibenik, Verkäufer der österreichische Premium-Vercharterer Luga Yachting 2000. Zwischen all den blank polierten Riesenkatamaranen wirkte die Amadie fast etwas unscheinbar und klein, obwohl sie sich mit ihrer marineblauen Färbung und 43 Fuß Länge sicher nicht hinter den Fahrtenyachten anderer Weltumsegler verstecken musste. Das Boot gefiel uns auf Anhieb so gut, dass wir die nächsten 24 Stunden damit verbachten, das Schiff auf jede uns erdenkliche Art auseinander zu bauen und in jede Luke und hinter jeden Schlauch zu schauen, um sicherzugehen, dass wir auch ja keinen groben Schaden übersahen. Aber bis auf die zu erwartenden Gebrauchsspuren bei einem 12 Jahre alten Boot, fielen uns nur einige Kleinigkeiten auf, die wir mit dem Verkäufer verhandeln konnten. Auch über den aus unserer Sicht sehr fairen Preis waren wir uns nach zwei Verhandlungsrunden einig und konnten den Kaufvertrag Oktober 2020 abschließen. Die restlichen Besichtigungstermine an diesem Ausflug hielten wir kurz oder sagten sie gleich ganz ab. Das wir so schnell ein so passendes Boot finden würden, hätten wir uns vorab niemals erhofft!


Die folgenden Monate waren Corona-bedingt und durch Jans Arbeit in Mali durch zahlreiche organisatorische Videokonferenzen geprägt, in denen wir ausgiebig alles technische und administrative To-Dos diskutierten. Ab Februar 2021 wurde zudem unsere Crew durch unser viertes Mitglied Tilman ergänzt. Ganz ohne eine zweite Besichtigung der Yacht ging es auch nicht, so dass Hendrik und Philipp im März 2021 nochmal nach Sibenik reisten, um die Yacht detailliert für die Installation unserer elektrischen Anlage zu vermessen. Philipp gelang es im Zuge dessen das Nützliche mit dem Praktischen und effektivst zu verbinden, in dem er nicht nur die Planung und Simulation unserer Solar- und Windenergie-Anlage als seine Bachelorarbeit anmeldete, sondern mit dem Unternehmen Solara auch einen großzügigen Sponsor fand, dass uns gegen Erhebung der entsprechenden Messdaten für jeden freien Quadratzentimeter unseres Decks entsprechende Solarpanele zur Verfügung stellte.

Am 24. Mai war es schließlich soweit. Tilman und Jan hatten ihre Jobs gekündigt, Hendrik und Philipp ihren Bachelor abgeschlossen. Knapp zwei Tonnen Material und Ausrüstung waren bestellt und teils nach Sibenik geliefert, teils in die Autos unserer hilfsbereiten Fahrer nach Kroatien verladen. An diese Stelle ist nochmal ein entsprechend großes Dankeschön an Eduard, Gabi und Erik fällig! <3

Angekommen nach 15 Stunden Fahrt ließen wir uns nur wenig Zeit zur Entspannung und legten gleich mit kistenweisem Werkzeug und einer schier unendlichen To-Do-Liste los. Eine fantastische Hilfestellung dabei waren die Mitarbeiter von Yachting 2000, insbesondere unser Ansprechpartner Leo, die uns bei allen Fragen und Problemen mit Orts- und Sachkunde zur Seite standen. 10 Tage lang schraubten, sägten, klebten und verkabelten wir an der Amadie herum, die teilweise bis 22 Uhr dauernden Arbeitstage nur aufgelockert durch die Erwartungen übertreffenden kulinarischen Köstlichkeiten vom selbsternannten Schiffskoch Jan und hier und da eines gelegentlichen Films oder Feierabendbiers. Während Tilman zum unermüdlichen Schiffsschreiner mutierte, verschwand Philipp die meiste Zeit tagelang in irgendwelchen Kisten, um die gesamte Elektrik neu zu verlegen, Hendrik fokussierte sich auf den Bau unseres Solarpanele-Trägers, Jan zum Beiboot-Flicker erster Güte. Am Ende kannten wir jeden Baumarkt, jede Garagenwerkstatt, jeden Yachtspezialisten in Sibenik.

Eine (nicht vollständige) Liste unserer Arbeiten, um die Amadie hochseetauglich zu bekommen umfasst: Bau des Geräteträgers am Heck, Installation und Anschluss von 8 Solarpanelen, Aufbau eines Windgenerators, Reparatur des gerissenen Beiboots, Aufziehen der neuen extra reißfesten Segel, Bau einer Halterung für unseren neuen 8 PS Beibootmotor, Einbau eines Dutzend zusätzlicher Regale, Einbau neuer Batterien und Sensorik für die Elektronik und last but not least den Einbau einer Heimkinoanlage.

Aber seht selbst in unserem Video:

Am 02. Juni war es endlich soweit und wir lichteten endlich den Anker zum Aufbruch in ein ungewisses aber mit Sicherheit fantastisches und sehr, sehr blaues Abenteuer!